17. Vorerst Tschüss

Nach den Osterferien ging ich dann wieder in die Schule und seitdem habe ich Aurora scharf beobachtet. Ich habe Markierungen rund um ihren Stellplatz vorgenommen. Dazu habe ich ein paar Haare aus der Haarbürste von der guten Mutsch herausgefummelt und sie auf Zahnstochern rund um das Auto aufgespannt. Es kommt mir so vor, als bewegt sich Aurora jeden Tag ein winziges Stückchen weiter. Manchmal messe ich mit meinem Geodreieck nach und meiner Meinung nach ist sie mindestens 1 Centimeter auf die Absperrung zugefahren. Wenn ihr mich fragt, ist noch Leben in ihr und wenn sie die Absperrung durchbricht, dann werde ich versuchen sie zu dressieren und durch mein Zimmer zu lenken, aber das kann noch dauern. Bis auf weiteres mache ich mir also nur noch private Notizen, denn im Grunde geht das ja niemanden was an, was ich mit Aurora veranstalte. Aber wenn ich mehr herausgefunden habe, dann werde ich berichten, das verspreche ich. Lasst es Euch gut gehen, Euer Nik.

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16. Lebendig?

Nachdem ich nun zwei Wochen lang meine Gedanken sammeln musste, kehre ich zurück zu den Dingen die um Ostern herum passiert sind. Mein Gott, ist das lange her. Als wir am Nachmittag von der Baustelle zurückfuhren, war der Zahlenteufel ziemlich sauer auf mich, denn sein Chef, der sogenannte „Bauherr“, hatte mich gesehen und den Zahlenteufel gefragt was ein Kind auf der Baustelle zu suchen habe. Das hat den ZT natürlich in eine peinliche Situation gebracht und er hat irgendwas von „familiären Umständen“ gefaselt. Wir sind dann schnell von dort verschwunden und ich habe Aurora in einem alten Jutebeutel versteckt. Warum ich den kleinen Monstertruck „Aurora“ genannnt habe? Ich habe halt gedacht er ist was Lebendiges. Alles was sich von alleine bewegen kann ist lebendig. Wenn ein Fremder Deine Bewegungen bestimmt, bist Du ferngesteuert und Du bist unlebendig. Wenn Du aber selbst Deine Bewegungen bestimmst, dann bist Du lebendig. Und ich hatte ja mit eigenen Augen gesehen, wie der kleine Truck vor mir abgehauen ist. Etwas Lebendiges muss einen Namen tragen, dachte ich, und ich habe die Autofahrt dazu genutzt einen Namen zu finden. Mir fielen aber nur langweilige Sachen ein. „Kerstin, Roland, Peter, Samuel“, das passte alles nicht. Wir haben dann einen Mehltransporter überholt auf dem stand „“Aurora“ und um den Schriftzug war eine Sonne gemalt. Das fand ich passend und ich habe mir insgeheim gedacht, der kleine Monstertruck heißt von nun an „“Aurora“. Als wir zuhause waren, habe ich ihn neben mein Bett gestellt und darauf gewartet, daß er sich wieder bewegt, aber er stand einfach nur da und ich war etwas enttäuscht darüber und die ganzen letzten Tage kamen mir vor wie ein seltsamer Traum.

Ein entfernter Verwandter von uns hat gerade nochmal ein Studium angefangen. Ich glaube er ist schon ein echt alter Knacker, bestimmt über 80 und er kennt sich nicht so gut mit Internet aus. Er erzählte mir, in seinem Studium muss er zu bestimmten „Keywords“ irgendwas aufschreiben und ihm fällt überhaupt nichts ein. Ich dachte mir, man sollte alten Menschen bei sowas helfen. Die sind in einer Zeit groß geworden wo es noch Fax und Telefon mit Wählscheibe gab, die brauchen unsere Unterstützung. Außerdem fand ich es cool mal als Ghostwriter zu arbeiten. Als er mir dann die Worte geschickt hat, war ich natürlich erstmal ziemlich enttäuscht. Was soll man schon groß zu „Button“ schreiben. Da fällt mir natürlich als erstes Hosenknopf ein und als zweites der Escpae-Button (den ich auch im wirklichen Leben gerne hätte).

Über ein Wort musste ich länger nachgrübeln und das ist: „Date“. Ich hab das mal kurz in den Google-Translator eingegeben und der hat mir „Datum“ als Übersetzung angezeigt. Das hat mich ernüchtert. Ich hatte das schon mal in einem anderen Zusammenhang gehört. Ich dachte eigentlich es handelt sich um eine Verabredung zwischen Mann und Frau. Das interessierte mich natürlich mehr. Ich würde mich beispielsweise gerne mal mit Linda daten, aber wie stelle ich das an? Frage ich zum Beispiel einfach: Hej Linda, willst Du ein Date? Ich finde das hört sich wahnsinnig peinlich an. Als ich so darüber nachgedacht habe, ist mir aufgefallen, daß überall Paare rumlaufen. Auf der Strasse und im Bus und in den Geschäften sieht man immer nur Paare. Man denkt sich: Ist doch vollkommen normal, aber im Grunde ist das ist eine seltsame Erscheinung. Ich musste an meine Sockenschublade denken, da sind ja nicht nur Paare drin, sondern auch viele Einzelne und ich habe die ganze Schublade erstmal umgekippt und geschaut ob ich noch mehr Paare finden. Aber ich habe nur 3 gefunden und die habe ich zusammengeknäult und zusammengelegt.

Die Einzelnen die übrig geblieben waren, taten mir einwenig Leid, sie kamen mir vor wie so eine Art Loser-Haufen denen was fehlt und das fand ich schrecklich. Ich habe sie also gedatet und einfach immer ein paar ungleiche Socken zusammengknäult. Ist ja nicht schlimm, wenn man rechts und links was Unterschiedliches trägt. Ist am Ende alles Gewöhnungssache.

13. Höllenlärm

Als ich ungefähr 6 war, hat die gute Mutsch mich auf ein sogenanntes Monster-Truck-Rennen mitgenommen. Sie dachte wohl das wäre was für Kinder. Ein Arbeitskollege hatte ihr das erzählt. Für alle die nicht wissen was Monstertrucks sind: Das sind ganz normale Autos, wie man sie jeden Tag auf der Straße sieht, mit dem kleinen Unterschied, daß irgendwelche Freaks diesen Autos riesige Reifen anschrauben. Ich weiß nicht wo sie diese Reifen kaufen, aber sie sind so groß wie zwei erwachsene Menschen übereinander. Die Fahrer müssen mit Leitern in ihre Autos klettern und wenn sie losfahren machen sie einen Höllenlärm, was mich und Mutsch total gestresst hat. Es gibt auch überhaupt keine Kinder auf diesen Rennen. Die einzigen Menschen die sich sowas freiwillig anschauen, sind Typen mit Haaren auf dem Rücken und Cowboyhüten auf dem Kopf. Die Monster-Trucks springen dann über Rampen oder sie walzen irgendwelche kleineren Autos platt. Die Männer mit den Hüten gröhlen und schreien wenn irgendwo Feuer aus einem Auspuff kommt und es stinkt nach Diesel. Mutsch und ich kamen uns damals ziemlich seltsam vor und wir sind nicht lange geblieben.

Trotzdem hat mich dieser kleine, ferngesteuerte Monster-Truck an daran erinnert. Die Räder drehten immernoch mit Vollgas in der Luft und das machte ein unheimlich nerviges Geräusch. Ich wollte unbedingt daß es still ist. Nervös fummelte ich die Batterien aus dem Auto. Der Motor lief aber einfach weiter. Ich dachte: Das kann nicht sein! Und weil mir nichts besseres einfiel, schrie ich das Auto an: Ruhe! Und ob ihr es glaubt oder nicht, die Räder stoppten und es war still. Ich atmete tief durch.

Damals wußte ich noch nicht wer Aurora ist und ich dachte irgendjemand muss das Ding gesteuert haben. Womöglich steht der Typ irgendwo hier in der Garage und beobachtet mich. Ich griff mir den Monster-Truck und rannte raus ans Licht. Ich bildete mir ein, daß jemand hinter mir her ist, ich hörte sogar Schritte, aber vielleicht waren es auch meine eigenen und ich rannte einfach weg. Weil ich so schnell lief und dabei hinter mich schaute ob mir jemand folgt, bin ich geradewegs in eine Gruppe von Männern reingelaufen unter denen auch der Zahlenteufel war. Die haben nicht schlecht gestaunt und ich habe den Monstertruck hinter meinen Rücken versteckt damit sie ihn nicht sehen.

12. Wie ich Aurora fand

Nachdem ich ein Stück die Strasse entlang gelaufen war, bogen die Spuren in ein niedriges Gebüsch ab und ich musste wohl oder übel auf Händen und Füssen kriechen um ihnen zu folgen. Als ich mich auf der anderen Seite aufrichtete und die Erde von der Hose klopfte, erkannte ich sofort den Garten wieder, die Rutsche, die verstreuten Spielsachen, die Hollywoodschaukel und ein paar Meter entfernt: Das Loch im Boden. Oder war es ein Krater? Ich erkannte auch ein paar Details die mir in der Dunkelheit entgangen waren, zum Beispiel ein mit Moos bewachsener Löwe der aussah als würde er mich beobachten. Die Spuren verliefen sich im Gras, aber ich konnte genau die Richtung erkennen in die sie führten. Das Tier war entweder in Richtung von dem Loch gelaufen oder von dort gekommen, das konnte man nicht genau sagen. Auf Knien kroch ich an den Rand des Kraters. Er sah tief aus, sehr tief, wenn ihr mich fragt, man konnte nichts sehen dort unten, aber die Schwärze war unheimlich, als würde sie weit in die Erde hineinreichen. Mir war sofort klar, daß ich nicht dort hineinfallen wollte und mein Bauch kribbelte bei der Vorstellung.

Im letzten Schuljahr kam ein Steiger bei uns in die Klasse, das ist so ein Typ der im Bergbau unter der Erde arbeitet und jetzt wo es keine Bergleute mehr gibt, ist er arbeitslos und erzählt an Schulen Schauergeschichten von seiner alten Arbeit. Der Typ erzählte uns zum Beispiel, daß einer seiner Kumpel (so nannte er seine Kollegen) in einen Fahrstuhlschacht gefallen war. 800 Meter ist er in die Tiefe gefallen. Das muss man sich mal vorstellen, 800 Meter in die Erde hineinfallen. Als ich daran dachte, schauderte es mich und ich robbte vorsichtig wieder zurück. Ich wußte auch, dass es dem Zahlenteufel nicht gefallen würde, wenn er mich hier erwischen würde und dass er möglicherweise genau das mit „“lebensgefährlich“ gemeint hatte. Trotzdem musste ich eins der Sandförmchen nehmen und es in das Loch schmeissen, da liess sich nichts machen. Ich wartete bestimmt eine Minute und lauschte, denn ich dachte, wenn das Ding 800 Meter in die Erde fallen muss, dann braucht es seine Zeit. Zu hören war aber nichts.

Ich kam auf die Idee, daß es besser wäre etwas zu nehmen was beim Aufprall ein lauteres Geräusch macht. In der Nähe von der Terrassentür stand eine kleine Jukkapalme mit Untertopf. Die Palme war aber zu schwer und ich konnte sie kaum bewegen. Ich entschied mich im Haus nach etwas zu suchen. Die Gardinen wehten durch die Terrassentür und unter meinen Schuhen knirschten Scherben. Im Wohnzimmer lag ein grüner Teppich und alles wirkte irgendwie gedämpft. Das Wohnzimmer war leer geräumt bis auf ein Poster mit einem Pferdekopf vor einem blauen Vollmond. Ich ging weiter in den Flur. An der Garderobe hing noch eine alte Lederjacke und ich durchsuchte die Taschen nach brauchbarem Zeug. In der Brusttasche fand ich einen Kamm und 20 Cent. Ich konnte mich nicht direkt erinnern ob ich mich jemals selbst gekämmt hatte und ich machte mir eine richtige Streberfrisur, außerdem wollte ich später mit dem Geld noch eine Konzentrationskaugummikugel kaufen.

Wie zufällig schaute ich auf den Boden und erkannte die Spuren. Zwei Striche, etwa so breit wie meine Federmappe. Der ganze Boden war voll damit, sie waren blutrot und bildeten Kreise auf den Fliesen. Im ersten Moment musste ich an die John Sinclair Cover denken und ich wäre fast abgehauen, doch dann sah ich, daß die Spuren von einem zerbrochenen Marmeladenglas in der Küche ausgingen. Ich näherte mich der Küchentür wie ein Raubtier. Lautlos anschleichen kann ich gut. Die Küche war komplett eingerichtet. Geschirrhandtücher hingen über der Spüle, Teller standen in den Schränken und es gab sogar eine Mikrowelle. Alles wirkte so, als würde noch jemand hier wohnen. In einer Ecke der Küche stand ein kleiner, ferngesteuerter Monstertruck auf dem Boden. Ich dachte erst, klar, den hat jemand hier vergessen, dann erkannte ich, daß die Räder von dem Ding mit Marmelade verschmiert waren. Daher kommen also die Spuren, dachte ich und war irgendwie erleichtert und enttäuscht zugleich. Ich wollte mir gerade das Auto etwas genauer anschauen, da geht mit einem „“Ping“ das Licht in der Mikrowelle an und der Mikrowellen-Teller beginnt sich zu drehen. Ich hatte keinen Knopf gedrückt, sie ging einfach an und dann ging sie wieder aus. Und als ich mich wieder umdrehe, fährt dieser winzige Monstertruck auf mich zu, dabei macht er ein Geräusch wie ein wild gewordener Akkuschrauber. Ich bin so erschrocken, das ich mich rückwärts an die Wand presste. Das Ding heizte an mir vorbei, mit Vollspeed durch das Wohnzimmer und raus in den Garten und ehe ich mich überhaupt besinnen konnte war es verschwunden.

Ich sprang über den Gartenzaun und raus auf die Strasse. Zu sehen war nichts, aber das Akkubohrergeräusch kam klar aus Richtung einer Einfahrt. Eine kleine Rampe ging es runter in eine Tiefgarage. Es war ziemlich dunkel und hallig dort unten. Die Tiefgaragenplätze reihten sich aneinander und ich ging langsam und schaute in jeden einzelnen Stellplatz. Das Akkubohrergeräusch war jetzt verschwunden. Aber ich wußte, wenn hier das Ding hier unten ist, sitzt es in der Falle. Es war bei Stellplatz 72, als der Monstertruck plötzlich aus der Dunkelheit schoss und versuchte durch meine Beine zu fliehen, aber ich lass mich nicht so leicht tunneln. Ich wandte blitzschnell einen Fussball-Kick an, den man bei uns auf dem Schulhof den „“Revellino“ nennt, das Auto drehte sich rum aufs Dach und lag jetzt wie ein Käfer auf dem Rücken und die Räder drehen sich mit Vollgas in der Luft. Ich hatte ihn gefangen.

11. Spurensuche

Auf dem Tisch im Wohnmobil fand ich eine Notiz mit der typischen Zahlenteufel-Krakel-Handschrift: „Hallo Nik, hole Dich später ab. Nicht die Baustelle betreten. Lebensgefahr. Cornflakes auf dem Tisch. Milch im Kühlschrank.- Andreas“. Ich schaute aus dem Fenster, die Baustelle sah am Tag ziemlich verändert aus. Staub lag in der Luft, einer der Bagger riß eine Mauer um und der Boden zitterte leicht. Unbeaufsichtigt Cornflakes zubereiten ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Mein Rezept: Ich streue eine dicke Schicht Zucker auf die Cornflakes bis alles komplett weiß ist (streng verboten wegen den Zähnen!) und dann gieße ich so viel Milch drüber bis alles schwimmt (streng verboten wegen Keine-Milch-mehr-für-den-Kaffee!).

Beim Essen blätterte ich in den John Sinclair Heften, besser gesagt schaute ich mir die Cover an. „Das vergessene Grab“ , der „Der Hexenwürger von Blackmoor“ und „Das Eisgefängnis“ fand ich am gruseligsten, aber ich traute mich nicht mehr als eine halbe Seite zu lesen.

Irgendwann wurde mir langweilig und ich überlegte ob der Boden vor der Wohnwagentür streng genommen schon zur Baustelle gehört. Bei genauer Betrachtung sah der Boden nicht gefährlich aus und ich entschied daß dieser Boden noch zum Wohnbereich und nicht zum Baustellenbereich gehörte. Als ich dann einmal draußen stand, dachte ich mir: Wenn ich den Boden am Wohnmobil betreten darf, dann müsste es auch erlaubt sein den Boden bis zum Bauzaun zu betreten, schließlich ist der Bauzaun weiter entfernt von den Baumaschinen. Ich ging also rüber zum Bauzaun und dann am Bauzaun entlang bis in die Abrißsiedlung.

In der Abrißsiedlung waren die Bagger nur noch leise zu hören und alles kam mir viel ausgestorbener als am Abend vor. An einer Strassenecke gab es eine verlassene Apotheke. Die Schaufenster waren eingeschlagen und die Tür stand offen, aber ich traute mich nicht rein, weil an der Tür solche Diebstahl-Detektoren standen und ich hab so viel Eisen in der Jacke, daß diese Detektoren manchmal unvermittelt piepen wenn ich durchgehe und das jagt mir immer einen unheimlichen Schrecken ein.

Ich versuchte mich zu erinnern, wo der Garten mit dem Loch im Boden war. Das war nicht gerade einfach, denn tagsüber sah alles total anders aus und ich wußte nicht wo ich mit dem Suchen anfangen sollte. An einer Häuserwand entdeckte ich einen alten Kaugummiautomaten der mir am Abend schon aufgefallen war. Die Aufschrift „Razzles Jawbreaker Bubble Gum“ gefiel mir gut und ich opferte 20 Cent. Der Kaugummiautomat sah zwar aus wie aus einem anderen Jahrhundert, aber er funktionierte noch. Ich erhielt eine neonblaue Kaugummikugel mit Brause-Effekt. Wenn man Kaugummi kaut kann man sich viel besser konzentrieren, deshalb sollte das Kaugummikauen in der Schule offiziell erlaubt sein. Josch ist sogar der Meinung, das würde innerhalb von kürzester Zeit zu einer Explosion der Klugheit führen und die Weltregierung der Illuminati will das verhindern, ich denke da ist was dran. Bei mir setzte die Kaugummi-Wirkung zumindest sofort ein. Mein Verstand wurde messerscharf. Ich dachte: Wenn ich diesen Kaugummi-Automaten am Abend gesehen habe, dann muss das Loch im Boden in unmittelbarer Nähe sein. Und ich dachte: Wenn das Tier das ich gesehen habe in der Nähe ist, dann muss es Spuren hinterlassen haben.

Ich schlenderte also zwischen den verlassenen Häusern hindurch und suchte die Strasse nach Spuren ab. Die Strasse war ziemlich staubig und man konnte alles gut erkennen. Tatsächlich entdeckte ich gleich neben einer Strassenlaterne etwas ungewöhnliches. Zwei parallele Linien, als hätte jemand etwas über den Boden geschleift. Ich dachte auch irgendwie an winzige Reifenspuren. Die Spuren führten von der Laterne weg die Strasse entlang. Ich folgte ihnen.

10. Baggerfahrerlager

Als wir zurück zum Auto kamen, klopfte der ZT sich am ganzen Körper ab, als sei ihm eine Maus in den Mantel gestiegen. Es dauerte einen Moment bis ich verstand, daß er den Autoschlüssel suchte. Meinen ersten eigenen Haustürschlüssel habe ich mit 9 Jahren bekommen und ihn sofort am ersten Tag verloren. Das war ein schrecklicher Augenblick, du stehst vor der Haustür, hast Hunger und Durst und bemerkst, daß der Schlüssel fehlt. Sofort kriecht dir die Panik in den Nacken. Damals war meine Jacke noch nicht so gut sortiert wie heute, aber ich hatte schon ziemlich viel nützliches Zeug dabei. Ich musste alles ausräumen und auf der Treppe ausbreiten, erst dann fiel mir ein, daß ich den Schlüssel unter „Kermit dem Porzellanfrosch“ versteckt hatte um ihn nicht zu verlieren. Ich konnte gut verstehen, daß der ZT gestresst war. Normalerweise ist er nicht der Typ der etwas verliert und das war bestimmt eine neue Erfahrung für ihn. Die Autofahrt, der Stau und das Loch im Boden hatten ihn offenbar ziemlich verwirrt und es war mittlerweile fast 23 Uhr. Alles was er in den Taschen hatte, legte der ZT auf die Motorhaube und Rudi leuchtete ihm mit der Taschenlampe. Ich glaube der ZT ist der einzige Mensch auf der Welt der Stoff-Taschentücher benutzt. Abwechselnd nannte er sich selbst einen „“Vollidioten“, einen „Volltrottel“ und schließlich sogar einen „Vollhorst“ und ich dachte genau das Gleiche. Das Gesuche und Geleuchte dauerte bestimmt eine halbe Stunde, da schlug Rudi vor, daß er uns die Rundsitzgruppe in seinem Wohnmobil freiräumen könnte und der ZT war einverstanden. Es blieb ihm auch nichts anderes übrig.

Auf der Baustelle arbeiten insgesamt 5 Baggerfahrer, sie bleiben über Nacht, weil es sich nicht lohnt jeden Tag nach Hause zu fahren. Sie wohnen etwas abseits in Wohnwagen und sie haben sich ein richtig schönes Lager gebaut. Die Wohnwagen stehen im Kreis und in der Mitte gibt es eine Feuerstelle und ein paar Holzpaletten auf denen man sitzen kann. Das Feuer glühte noch, aber die Baggerfahrer schliefen schon. Rudis Wohnmobil heißt „Madame Tinkerteu“ und war viel unaufgeräumter als mein Zimmer. Wir mussten erstmal einen Stapel John Sinclair Hefte wegräumen, damit wir uns setzen konnten. Rudi machte uns Schmalzbrote mit sauren Gurken und Röstzwiebeln, dazu gab es ein paar Würstchen aus dem Glas. Ich war wie ausgehungert. Wahrscheinlich habe ich nie etwas Köstlicheres gegessen. Rudi hatte außer Bier nichts zu trinken und fragte mich ob ich ein Glas Wurstwasser trinken will, aber ich lehnte ab. Der ZT und ich schliefen in Klamotten und wir mussten uns eine Decke teilen, die eigentlich Rudis Hund gehört.

In der Nacht wurde es ziemlich kalt und ich wachte von Rudis Schnarchen auf. Ich wollte aufs Klo gehen, aber ich wusste nicht wo das Klo war, also ging ich nach draußen. Hinter dem Wohnmobil-Lager hatte ich einen ziemlich guten Blick auf die unbewohnte Siedlung und die Abrißhäuser. Wie ich so in die Dunkelheit starre, leuchtet zwischen den Häusern eine Strassenlaterne auf, dann geht sie wieder aus. Ein paar Momente später leuchtet eine andere Strassenlaterne auf und auch die geht wieder aus. Das Licht wandert von einer Strassenlaterne zur nächsten durch die ganze Siedlung. In dem Moment kam mir das überhaupt nicht seltsam vor und ich ging und legte mich schlafen. Als ich aufwachte war es taghell. ZT und Rudi waren schon aufgestanden und ich hörte wie die Bagger die Häuser einrissen. Als ich mich an die Strassenlaternen in der Nacht erinnerte, kam mir das nun doch etwas merkwürdig vor.